Reflexion, Social Media, Zeitlos
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Der stille Freund

Beginnen wir mit einem Blick zurück ins Klassenzimmer.

Erinnern Sie sich noch an Ihre Schulzeit? Wie war das dort in der Klasse? Da gab es das beliebteste Mädchen mit ihren Freundinnen, die Jungsbande, den Klassenkasperl, den oder die Wortführer/in, einige viele die mit dabei waren und den Stillen (oder natürlich die Stille) die den anderen vielleicht unheimlich waren, einen besten Freund hatten und ziemlich viel in der Birne. Eben Gruppendynamik pur. Und in diesem Microkosmos fand Meinungsbildung statt, wurden Realitäten geschaffen und Entscheidungen ausgehandelt.

Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Episode aus meiner Kindheit: Es war in der Volksschulzeit und ich war katholisch. In der Vorbereitung zur Erstkommunion gab es Treffen, in denen wir uns mit wichtigen Begriffen der Religion beschäftigten. Und natürlich kam eines Tages das Gespräch auf die Sünden. Ich weiß nicht mehr wie – jedenfalls verstand ich diese Sache mit den 10 Todsünden so, dass ein Mensch maximal zehn Sünden haben durfte. Wer mit mehr als 10 Sünden am Stück in die Beichte ging, musste mit dem Fegefeuer rechnen. Ich begann panisch meine Sünden zu zählen: „Letzte Woche hatte ich meinem Bruder den Kaugummi gestohlen, die Woche davor meine Mama angelogen als ich nicht ins Bett wollte, die Lehrerin hatte mich ertappt, ….. ziemlich schnell war ich bei mehr als 10! … diese eine Sünde könnte ich eventuell unter den Tisch fallen lassen, dann wäre ich wieder bei 10….. Jedenfalls mussten das meine KlassenkameradInnen unbedingt vor der Beichte erfahren!

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Nachricht und schon am Nachmittag desselben Tages saß die halbe Klasse panisch in der Umkleidekabine vor dem Turnsaal und zählte an den Fingern ihre Sünden. Die Sache ging gut aus, denn unsere umsichtige Klassenlehrerin fand irgendwann den Grund für die Gruppenpanik und klärte das Missverständnis auf.

Soziale Netzwerke sind manchmal nicht ganz unähnlich zu Klassenzimmern. Auch im virtuellen Kosmos werden Meinungen gebildet. Peter Kurse spricht in diesem Zusammenhang gerne vom Gesetz der Resonanz. Jemand gibt eine Meldung oder Meinung ins System – ist diese von entsprechendem Interesse – sprich emotional bedeutend – wird sie über verschiedene Plattformen manchmal rasend schnell verbreitet. Diese Verbreitung ist weder künstlich erzeug- noch kontrollierbar. Eine scheinbare Kleinigkeit kann großes Interesse wecken, eine groß inszenierte Information innerhalb kürzester Zeit im Netz versickern. Natürlich ist klar: ist die Sache witzig, provokant, brisant, geheim und aufregend erhöht sich die Chance der Aufmerksamkeit.

Trotzdem hinkt der Vergleich mit dem Klassenzimmer natürlich ein wenig – denn ein Klassenzimmer ist übersichtlich. Ich drehe mich in meiner Schulbank um und sehe meine KlassenkameradInnen. Im Netz hat man schnell statt 5 Freunden durchschnittlich 130, einige über 1000.
Aber ob 130 oder 5000 – die Informationen werden gefiltert. Einerseits von unserem Gehirn – anderseits, und ich vermute, das ist vielen NutzerInnen und Nutzern sozialer Netzwerke nicht bewusst, von der Technik.

In einem älteren Blogbeitrag – der Algorithmus der Aufmerksamkeit – habe ich schon einmal darüber berichtet. Dieser Algorithmus wird beispielsweise von Facebook geheim gehalten. Letztes Jahr führte das Amerikanischen Onlinemagazin „The Daily Beast“ eine einmonatige Untersuchung durch, um etwas Licht in die Auswahl der Statusmeldungen zu bringen.

Facebook bietet die Auswahl zwischen „Hauptmeldungen“ und „Neueste Meldungen“. Die meisten Facebook-User nutzen die erste Variante. Hier kommt der Algorithmus von Facebook voll zum tragen, manche Quellen behaupten, dass maximal 5 % aller tatsächlichen Meldungen dargestellt werden. Aber auch wenn man auf „Neueste Meldungen“ klickt, erscheint auch hier nur eine Auswahl. Weshalb Facebook keine transparente Möglichkeit bietet individuell zu filtern, darüber kann nur spekuliert werden. Ich tippe auf wirtschaftliche. (pfm) beschreibt das in einem Artikel vom 20.10.10 wie folgt: „“Prinzipiell ist Facebook daran interessiert, möglichst viele Klicks zu generieren um auch möglichst viel an Werbung zeigen zu können. Deshalb beurteilt der Algorithmus im Hintergrund, welcher User und welche Posts am ehesten zu Klicks führen können und präsentiert diese zuerst.“

Hier ein paar Details aus den Ergebnissen von Daily Beast:

1. Neulinge haben es auf Facebook schwer, Aufmerksamkeit zu bekommen.
2. Stalking von Freunden bringt nichts, von Freunden verfolgt zu werden bringt’s
3. Die Art der Postings entscheidet über die Aufmerksamkeit: Links sind gut, Videos und Bilder sind besser.
4. Kommentare steigern die Popularität. Wer etwas zu sagen hat, wird beachtet.

Gerade der vierte Punkt verweist meiner Meinung nach auf ein Dilemma des virtuellen Netzwerkens. Denn etwas zu sagen haben wird hier verbunden mit „oft etwas zu sagen haben“. Im Klassenzimmer sind das dann die DauerquaslerInnen. Werden wir hier zu virtuellen Kommunikations-Zappelphilippen erzogen? Was geschieht mit den Besonnen, denjenigen die dreimal überlegen, bevor sie etwas sagen. Sind die ausgewählten Meldungen diejenigen, die für mich wirklich relevant, interessant, wichtig sind? Verliere ich vielleicht für mich Wertvolles, nur weil es selten ist? Ich sehe mich um im Klassenzimmer und frage mich: Was passiert mit dem stillen Freund?

Wer mehr über die Untersuchung von „Daily Beast“ wissen will:

Cracking the Facebook-Code, Daily Beast

Der Facebook-Code – Weshalb wir was auf Facebook sehen, Manfed Messmer

Wie Facebook wirklich funktioniert. Telekom Presse

Foto: https://pixabay.com/photo-604086/

Dieser Beitrag wurde am 27.01.2011 erstmals veröffentlicht, 2018 in meinen neuen Blog übernommen, weil für lesenswert erachtet. Finden Sie das auch?

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  1. Pingback: Good bye abbrederis.net, hello abbrederis.net! – Abbrederis.net

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