Dialog, Reflexion
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Diamant hinter Plattenbauten

Die „Schule der Utopie“ lud vom 7.4. – 9.4.2013 zehn Schülerinnen und Schüler aus Vorarlberg ein, die Evangelische Schule Berlin Zentrum von Margret Rasfeld, zu besuchen. Möglich gemacht wurde das durch die Kuratoren der „Tage der Utopie“, die ihre Veranstaltung in Zukunft bewusst für die junge Generation öffnen wollen und die Hilti Foundation, die dieses neue Format innerhalb der „Tage der Utopie“ finanziell möglich machte.

Dieser Blogbeitag ist keine offizielle Reflexion, denn diese werden die teilnehmenden Jugendlichen am 27.04.2013 in St. Arbogast sehr gut machen. Es ist ein persönlicher Einblick und ein Dankeschön als Projektleiterin, hat es mich doch in besonderer und vielfacher Weise berührt. Aber von Anfang an!

Die Exkursion begann mit einer großartigen Verwirrung …

Ich hatte mich im Vorfeld bereits intensiv mit der Arbeit von Margret Rasfeld und ihrem Team beschäftigt. Ihre Kurzvideos auf Youtube hatten mich neugierig, ihr Buch „Eduaction“ (mit Co-Autor Peter Spiegel) nachdenklich gemacht. In dieser Vorbereitungszeit wachte ich zweimal mit dem Schreck auf, in wenigen Stunden und schlecht vorbereitet die Matura in Buchhaltung oder Englisch schreiben zu müssen (Wir hatten wohlgemerkt gerade letzten Sommer unser 20jähriges Maturajubiläum gefeiert … ). Und auch sonst wurden einige Erinnerungen an meine eigene Schulzeit lebendig.

Diese Schule in Berlin sollte so anders sein als das, was mich nach über 20 Jahren immer noch beschäftig:

Lernbüros statt Frontalunterricht, jahrgangsgemischte Klassen die für alle Menschen offen sind, Zertifikate und Logbuch statt reiner Notenzeugnisse, persönliche Tutoren statt Lehrer, Fächer wie Verantwortung und Herausforderung, Schüler und Schülerinnen, die den Zeitpunkt für ihre Tests selbst bestimmen … Vor der Reise in einem eintägigen Workshop mit den Vorarlberger Schüler/innen heiß diskutiert, machten sich acht neugierige Köpfe auf nach Berlin.

Am Morgen des 8.4.2013 standen wir um 9.26 Uhr vor einem scheinbar abbruchreifen Gebäude in Berlin Mitte. Den ausgedruckten Google-Map Plan in der Hand. Hatte ich die falsche Adresse von der Webseite gelesen? Das konnte doch nicht die innovative Schule Deutschlands sein, zu der Menschen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum pilgern? Alle schauten wir etwas verwirrt über den maroden Zaun, kommentierten die gartenfremden Gegenstände (Einkaufswagen u.a.) im Wiesenstreifen, liefen dreimal ums Gebäude bis wir drinnen eine Person und draußen an besagtem Zaun ein oranges, laminiertes Blatt entdeckten, mit dem Hinweis dass wir wohl am richtigen Ort waren.
platten

Ich beschreibe diesen Moment mit dem Wissen des Rückblicks, weil ich selten vorher einen Ort gesehen habe, an dem Innen und Außen so überhaupt nichts miteinander gemein haben. Vor solchen ersten Einschätzungen schützen auch keine Poesiealben Einträge wie „Es zählen nur die inneren Werte.“

Die Verwandlung begann für mich ab dem Moment, als wir im Mittelgebäude auf einen fröhlichen Assistenten und eine in Regenbogenfarben gekleidete Margret Rasfeld trafen (später von Schülerinnen als „die mit den schrägen Klamotten“ beschrieben).

Sie versammelte alle in ihrem Büro, das den Geist der Schule in Plakaten, Büchern und Gegenständen deutlich widerspiegelt. In einer ersten Runde erzählte sie eher knapp, immer mit den Hinweis, dass wir demnächst von Schüler/innen abgeholt werden und von ihnen sowieso alles Weitere erfahren würden.

Diese standen dann auch eine halbe Stunde später in Person von zwei tuschelnden, fröhlichen Mädchen vor der Türe um uns in die Pause mitzunehmen.

In den folgenden zwei Stunden landeten wir in einer gestreiften Mensa, einem der neun Lernbüros und der wöchentlichen Gesangsstunde. Ich sah zwar immer wieder die abgewetzten Böden und Türen, das trat aber mehr und mehr in den Hintergrund, denn was wirklich meine Aufmerksamkeit fesselte waren die Jugendlichen. Nicht, dass alle fröhlich beschwingt durch die Schule hüpften, nein, das wäre ein Klischee, das einer lebendigen Schule nicht gerecht werden würde. Aber für mich doch komplett anders als an jeder anderen Schule, an der ich bisher war. Offene Blicke, konzentrierte Gespräche in Zweierteams in einer Klasse ohne anwesenden Lehrer, dynamisches Kommen und Gehen. Die Gänge sind voll mit Postkarten, die Schüler/innen an Ihre Schule schicken.

Mittendrin wir an einer Tischgruppe. Die beiden Mädchen erzählen, beantworten jede Frage selbstverständlich und mit großer Offenheit. Nein, es ist nicht immer leicht mit dem selbstverantwortlichen Lernen, manchmal lässt man sich lieber von der Freundin ablenken, ob das ohne Noten funktioniert? Sie ist sich sicher, schließlich weiss sie, wie man zu den Antworten kommt, aber manche Eltern haben Angst, ob das später so klappt.

Handouts sehe ich keine, dafür Lernkästen, in denen laminierte Kärtchen mit einer Mischung aus Fragen, Informationen, Bildern und Links zu Youtube Videos oder Büchern stecken. Auf den Kästen kleben Beschriftungen wie „Die französische Revolution“, „Demokratie“ oder „Politische Grundlagen“ – wir befinden uns im Lernbüro für Naturwissenschaften, das mehrere Fachgebiete interdisziplinär verknüpft.

Aktuelle Studien sprechen davon, dass zwischen 30 – 40 % der Schüler/innen mit Angst in die Schule gehen. Das hier hat alles ziemlich wenig mit gestressten und verschlossenen Gesichtern zu tun, die wir sonst so in unseren Schulgängen sehen.

Natürlich ist auch in Berlin nicht alles paradiesisch. Dass Unsicherheit herrscht, im Vergleich mit anderen Systemen „genug“ zu lernen, dass es nicht ganz druckfrei geht, wenn dieser dann auch eher von Innen kommt, dass nicht jeder mit der Selbstverantwortung umgehen kann oder die Schüler/innen nicht verstehen, dass es in der Kantine keine Cola geben darf…

Im Klassenrat wird völlig offen darüber gesprochen, die Lehrerin zeigt wie jeder andere Teilnehmer auf, wenn sie etwas sagen möchte. Nur in einer Kultur, die dem Perfektionismus frönt, werden solche Widersprüche negativ bewertet. Offenheit und Fehlertoleranz sind Grundvoraussetzungen für Weiterentwicklung und Innovation.

An diesem Ort lernen junge Menschen Selbstverantwortung und Solidarität, das zeigt spätestens das Nachmittagsprogramm. 10 Jugendliche stehen vor ca. 50 Lehrer/innen aus Jena, München und unserer Gruppe aus Vorarlberg und erzählen völlig frei und authentisch von ihren Erfahrungen mit den Fächern „Herausforderung“ und „Verantwortung“. Es ist Teil einer Fortbildung von Schüler/innen für Erwachsene. Bei kleinen technischen Pannen wird kurzfristig das Programm umgestellt, Fragen aus dem Publikum beantwortet, der Stimmung tut das keinen Abbruch.

Dieser für uns letzte Programmpunkt findet in der neuen Aula statt, einem organischen Holzgebäude, von dessen Decke gefaltete Papiervögel schweben.

Nein, nicht alles an diesem Tag war herrlich. Es ist in meinen Augen schäbig, welchen Wert unsere Gesellschaft der Bildung von Jugendlichen gibt, welche altbackenen Ziele die meisten Schulen nach wie vor verfolgen, wie unsere Jugendlichen dadurch Leistungsdruck, Konformität oder Konkurrenz verinnerlichen.

Ich erinnere mich noch daran, wie mir erst viele Jahre nach der Schule bewusst wurde, dass Lehrer auch eine menschliche Seite haben. Es war mir davor einfach nicht in den Sinn gekommen!

Danke für die Kraft, die dieses Projekt ausstrahlt, ein wirklicher Diamant aus der Zukunft der Schule. Ich hoffe es kommen Pädagog/innen, Bildungsbeauftragte und Politiker/innen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum nach Berlin um sich inspirieren zu lassen.

Erleben Sie Margret Rasfeld und ihre Jugendlichen bei den Tagen der Utopie am 27.4.2013

http://tagederutopie.org/archiv/tage-der-utopie-2013/schueler-machen-schule/

Dieser Beitrag wurde am 11.04.2013 erstmals veröffentlicht, 2018 in meinen neuen Blog übernommen, weil für lesenswert erachtet. Finden Sie das auch?

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